„Verbrechen Liebe“ deckt neue Facette des NS-Regimes in Ostbayern auf

BR-Redakteur Thomas Muggenthaler hat in einem Buch die Schicksale ermordeter Zwangsarbeiter aufgearbeitet

Eine weitere Facette des NS-Repressionsregimes rund um das Konzentrationslager Flossenbürg beleuchtet ein neues Buch des Journalisten Thomas Muggenthaler. Er ist Hinrichtungen von Zwangsarbeitern in Niederbayern und der Oberpfalz nachgegangen. In „Verbrechen Liebe“, erschienen im lichtung verlag, Viechtach, beschreibt er, dass den Zwangsarbeitern oft ein verbotenes Liebesverhältnis mit einer deutschen Frau zum Verhängnis wurde. Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, leitet das Werk mit einem thematischen Vorwort ein.

Die Grundlage des Buchs bilden Akten aus dem Staatsarchiv Amberg. Muggenthaler entdeckte hier umfangreiche Aufzeichnungen über die Hinrichtung von 22 Polen zwischen 1941 und 1943. Alle wurden in der Nähe ihres Arbeitsplatzes erhängt. Darüber hinaus dokumentiert der Journalist die Schicksale von vier Zwangsarbeitern, die in Konzentrationslagern ums Leben kamen. Und er erzählt die Geschichte zweier polnischer Zwangsarbeiter, die ihre Verfolgung überlebten.
Grund für die Hinrichtungen war vielfach das Liebesverhältnis zu einer deutschen Frau. Ohne Prozess führten die Nazis ertappte Zwangsarbeiter einer „Sonderbehandlung“, der Hinrichtung, zu. Verantwortlich für Niederbayern und die Oberpfalz zeichneten die Geheime Staatspolizei in Regensburg und das Reichssicherheitshauptamt in Berlin. Die Opfer wurden meist etwa ein halbes Jahr vor ihrer Hinrichtung verhaftet und entweder in Gefängnissen der Region oder dem KZ Flossenbürg inhaftiert, bis die Entscheidung über Tod oder Leben gefallen war. Kommandos aus den Konzentrationslagern Flossenbürg und Dachau vollzogen die Hinrichtungen.
Die Tatorte lagen zunächst in der Nähe der Dörfer, in denen die Männer beschäftigt waren. Zur Abschreckung wurden die polnischen Zwangsarbeiter aus der Umgebung an dem Erhängten vorbeigeführt. Später war das KZ Flossenbürg Schauplatz dieser Exekutionen.
In den 1950er Jahren sichtete die Justiz in einem Verfahren gegen ehemalige Gestapo-Leute die NS-Akten und ließ Beteiligte vernehmen. Zu Verurteilungen kam es nur selten.

„Thomas Muggenthaler beleuchtet mit seinem Buch nicht nur ein vernachlässigtes Kapitels der NS-Geschichte in Niederbayern und der Oberpfalz“, lobt Dr. Skriebeleit. „Er zeichnet darüber hinaus das verbrecherische Wirken der Gestapo-Stelle Regensburg nach. Und er verdeutlicht, wie das KZ Flossenbürg in das nationalsozialistische Repressionssystem eingebunden war.“

Muggenthalers Recherche blieb nicht beim Aktenstudium stehen. Er fuhr in die ostbayerischen Orte und suchte Zeitzeugen. So stieß er auf bewegende Liebesgeschichten, auf dramatische Ereignisse und auf Morde, die heute weitgehend tabuisiert sind. Der Autor fand in Polen Angehörige der Ermordeten. Er traf Frauen, die wegen ihrer Liebesverhältnisse mit polnischen Männern in das KZ Ravensbrück verschleppt wurden. Und er sprach mit Kindern aus solchen Verbindungen. Manche erfuhren erst durch diese Gespräche Genaueres über das Schicksal der Eltern.

Thomas Muggenthaler, geboren 1956, aufgewachsen in Waffenbrunn und Cham, Studium der Politischen Wissenschaften und Soziologie. Arbeitet als Journalist beim Bayerischen Rundfunk, lebt in Regensburg. Autor zahlreicher zeitgeschichtlicher Hörfunksendungen, insbesondere zum KZ Flossenbürg.
Im Jahr 2005 erschien das Buch „Ich lege mich hin und sterbe! - Ehemalige Häftlinge des KZ Flossenbürg berichten“. Im lichtung verlag kam 2003 das Buch heraus „Wir hatten keine Jugend – Zwangsarbeiter erinnern sich an ihre Zeit in Bayern“.

Dr. Jörg Skriebeleit, geboren 1968, seit 1999 Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Publikationen zur Erinnerungskultur und zur Geschichte des Konzentrationslagers Flossenbürg, u.a. Autor des Buches „Erinnerungsort Flossenbürg – Akteure, Zäsuren, Geschichtsbilder“ (2009), erschienen im Wallstein Verlag.

Thomas Muggenthaler: Verbrechen Liebe. Von polnischen Männern und deutschen Frauen: Hinrichtungen und Verfolgung in Niederbayern und der Oberpfalz während der NS-Zeit, Vorwort von Jörg Skriebeleit, Klappenbroschur, 176 S., ca. 40 S/W-Fotos und -Abb., 14,80 Euro,
ISBN 978-3-929517-48-4

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