KZ Flossenbürg: Vom Stigma zum Standortfaktor
Gedenkstättenleiter Dr. Jörg Skriebeleit legt umfassendes Buch zur Nachkriegsgeschichte des ehemaligen Lagers vor
„Die Gemeinde Flossenbürg hat das Stigma des ehemaligen Konzentrationslagers zu einem Standortfaktor gewandelt“, sagt Dr. Jörg Skriebeleit. Das ist einer der Schlüsse, die der Leiter der KZ-Gedenkstätte aus seiner jahrelangen intensiven Forschungsarbeit zur Nachkriegsgeschichte des Lagers zieht.
Skriebeleit zufolge hängt der Bekanntheitsgrad eines ehemaligen KZ nur sehr begrenzt an seiner tatsächlichen historischen Bedeutung und der Monstrosität der dort begangenen Verbrechen. „Viel entscheidender ist die Art, wie das Geschehen heute dargestellt und vergegenwärtigt wird.“ Auf fast 400 Seiten stellt Skriebeleit seine Forschungsergebnisse im Buch „Erinnerungsort Flossenbürg“ vor, das im Herbst erschienen ist.
Flossenbürg steht exemplarisch für seine These. Denn obwohl hier schon 1947 eine der ersten europäischen Gedenkstätten entstand, fiel das Lager doch sehr schnell dem kollektiven Vergessen anheim. Offensiv betrieb die Gemeinde bis in die 1970er Jahre den Prozess der Umnutzung, auch als Versuch, das auf ihr lastende Stigma zu überwinden. An der Stelle ehemaliger Häftlingsbaracken entstand um 1960 ein Wohngebiet. Der Kern des Häftlingsbereichs mit dem Appellplatz und den ihn einfassenden Gebäuden der Häftlingswäscherei und –küche wurde zum Gewerbegelände umgenutzt und mit Lagerhallen bebaut.
Der landespolitische Umgang mit dem ehemaligen Lager trug damals ebenfalls zum Vergessen bei. Die für Flossenbürg zuständige bayerischen Schlösser-, Gärten- und Seenverwaltung pflegte die Anlage als würdigen Ehrenfriedhof – parkähnlich und friedlich gestaltet, mit wenig Bezug zur verbrecherischen Vergangenheit des Ortes.
Erst spät führten verschiedene Ereignisse zur langsamen Wiederentdeckung Flossenbürgs als europäischer Erinnerungsort. Die evangelische Kirchengemeinde vor Ort setzte sich ab den 1960er Jahren für das Gedenken an den im KZ ermordeten Pfarrer und Theologen Dietrich Bonhoeffer ein. Außerdem führte zeitgleich eine verstärkte politische Wahrnehmung der Attentäter des 20. Juli 1944 dazu, Flossenbürg mit Admiral Wilhelm Canaris in Verbindung zu bringen, der hier ebenfalls hingerichtet worden war.
In den 1970er Jahren änderte langsam auch die Gemeinde Flossenbürg ihren Umgang mit dem ehemaligen KZ. „Es diente zum Beispiel als wichtiges und letztlich erfolgreiches Argument, in der bayerischen Gebietsreform nicht mit der Nachbargemeinde Floß zusammengelegt zu werden“, so Skriebeleit. Denn die Gemeindeverwaltung vor Ort, die bei einer Fusion aufgelöst worden wäre, diente ehemaligen Häftlingen und ihren Angehörigen bis zur späten Gründung der Gedenkstätte 1996 als Anlaufstelle. In der Repräsentation nahm die Gemeinde neben ihren eigenen immer mehr auch staatliche Pflichten wahr. „Das Konzentrationslager hatte sich in vielen Belangen zum Standortfaktor gewandelt“, resümiert der Gedenkstättenleiter.
Die gewonnen Forschungsergebnisse werden zusätzlich auch der zweiten große Dauerausstellung der Gedenkstätte zugute kommen, die im Herbst 2010 eröffnet. Sie steht unter der Überschrift „Was bleibt – Nachwirkungen des Konzentrationslagers Flossenbürg“.
Dr. Jörg Skriebeleit
Erinnerungsort Flossenbürg
Akteure, Zäsuren, Geschichtsbilder
389 Seiten, 21 Abb., gebunden, Schutzumschlag
€ 39,90 (D), € 35,90 (A), SFr 57,- (CH)
ISBN 978-3-8353-0540-3
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Wallstein-Verlag
Pressekontakt: Monika Meffert, Tel. 05 51/5 48 98-11
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